Im Notfall drücken

Der Fall Jérôme Chiotti (2000)

15.03.2012

Während des Festina-Dopingprozesses im April 2000 erklärte der französische Mountainbike-Weltmeister, dass er seinen WM-Titel 1996 mit Hilfe von EPO erlangt habe. Ein Festina-Arzt ermunterte ihn seinerzeit: „Schau Jérôme, ich würde meinen Kindern EPO geben, wenn es nötig wäre.“

Im Jahr 2000 fand in der französischen Stadt Lille der Festina-Prozess statt, in dem die Vorgänge während der Tour de France 2008, die berühmt-berüchtigte Festina-Affaire,  aufgearbeitet werden sollte. Im Zuge dieser Turbulenzen sahen sich einige Sportler veranlasst über ihre Dopingkarriere zu sprechen und zu gestehen auch ohne dass sie positiv getestet wurden oder gerichtlich angeklagt waren. 
Jérôme Chiotti gehörte dazu. Im April 2000 erklärte er einer Zeitung gegenüber, dass er seinen Mountain-Bike-Weltmeistertitel 1996 mit Hilfe von EPO erlangte. 2001 legte er sein Leben in seinem Buch De mon plein Gré! offen. Er hatte in seiner Jugend als BMX-Fahrer begonnen, fuhr von 1994 – 1997 als Straßenrad-Profi, danach als Mountainbike-Profi. Schon als  Amateur wurde ihm durch sein Umfeld klargemacht, dass der Hochleistungssport mit großen körperlichen Defiziten einhergehe, dass man unbedingt nachhelfen und ausgleichen müsse. Sein Arzt verschrieb ihm z. B. über 10 Mittel, ca. 30 Pillen pro Tag, die allerdings nicht dopinglistenrelevant waren. Bald folgte Cortison, das mit Unterstützung der sportlichen Leiter und mancher Ärzte allgemein Usus war. Dr. Eric Rijckaert vom Festina-Team überzeugte ihn später von EPO: „Schau Jérôme, ich würde meinen Kindern EPO geben, wenn es nötig wäre.“ Weitere Mittel folgten, Wachstumshormone, Testosteron und der Pot belge musste auch manchmal sein. Chiotti schildert in seinem Buch gut und nachvollziehbar die Spirale, in die der Sportler geraten kann, schildert die Eigendynamik, durch die der Konsument zum Abhängigen wird, wobei es schon fast egal ist, was man nimmt, Hauptsache es ist überhaupt etwas da. Die Beschreibung Chiottis erinnert sehr an den Weg eines Süchtigen, auch seine Versuche das Dopen zu lassen bis hin zum Gelingen, deuten auf Sucht hin.
Jérôme Chiottis Frau Laura blieb das Doping ihres Mannes nicht verborgen. Sie wurde beunruhigt und stellte Fragen, blieb aber letztlich mit ihren Sorgen und Ängsten allein. Im Jahr 2002 veröffentlichte die Zeitung l’Humanité ein Bericht Lauras, der deutlich macht, wie sich das Doping auf die Persönlichkeit ihres Mannes ausgewirkt hatte und welche Belastungen der Familie damit einher gingen. 
"Ich hatte selbst Angst davor, meinen Eltern die Wahrheit zu sagen. Unsere Familien waren nicht auf dem Laufenden. Als mein Vater davon erfuhr, war es ein Drama. Das einzige, was er sagte, war: „Warum hat er das gesagt, das hätte er nicht tun sollen, das ist die Welt des Radsports, dass macht man nicht.“ Wenn es nach ihm gegangen wäre, hatte man aufhören müssen und schweigen. Mit Jéromes Mutter war es dasselbe. Sie machte sich das Bild eine Champions."

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