Im Notfall drücken

Robert Lechner

Radrennfahrer, Jg. 1967, Junioren-Vizeweltmeister im 1000-m-Zeitfahren, zweifacher Deutscher Meister, Olympiadritter 1988. Er berichtet von seinen Doping-Erfahrungen und über die Gefahr, als junger Sportler fast unbemerkt in ein Doping-System hineinzurutschen.

Es war einmal im Juli 1980. Mein Bruder las die Tageszeitung und rief: „Der Thurau hat gedopt!“. Ich war irritiert. Doping, was ist das? Was macht man da? Was bringt das? Wozu nimmt man Medikamente, wenn man gesund ist? Wie kann das besser machen?

Viele Fragen für einen damals Dreizehnjährigen. Keine Antworten.

Am 28. Februar 2008 erscheint meine eigene Dopingbeichte in der FAZ. Damit hatte niemand gerechnet. Keiner, der nicht überrascht, irritiert, sogar schockiert war. Selbst die eigene Familie war belastet, nach diesem Schritt. Wieder viele Fragen. Gibt es jetzt Antworten?

Nur acht Jahre nach dieser Ahnungslosigkeit hatte meine eigene Dopingkarriere ihren Höhepunkt erreicht. Anabolika, Testosteron, Cortison. Annähernd dreißig Jahre mussten bis heute vergehen, um Antworten zu bekommen und mit der eigenen Vergangenheit aufzuräumen.

Nach 17 Jahren Radrennsport begann für mich mit 25 Jahren das bürgerliche Leben. Eine Berufsausbildung hatte ich schon abgeschlossen, also gelang der Einstieg ins Berufsleben reibungslos. Mittlerweile bin ich seit über zehn Jahren tätig für Europeansports. Hier liegen die Schwerpunkte in der interdisziplinären Koordination und Durchführung von Medizin, Diagnostik und Trainingssteuerung. Wir arbeiten mit Sportlern aller Leistungsklassen und verschiedensten Sportarten. Mit organisierten und nicht organisierten Freizeit- und Profisportlern. Mit meiner Familie, zwei sportbegeisterten Söhnen, darf ich nun die Vergangenheit von einer anderen Seite erleben.

Es war einmal im November 1983. Der Bund Deutscher Radfahrer berief mich in die Junioren-Nationalmannschaft. Unter der Leitung des Bundestrainers der Junioren, Wolfgang Oehme, fand in der Sportschule des Landesportbundes Hessen in Frankfurt am Main der erste offizielle Trainingslehrgang statt. Wir jungen Radsportler haben viel gelernt damals. Zumindest kann ich das für mich behaupten, kam ich doch aus tiefer bayerischer Provinz und nur mit großem eigenem und familiärem Engagement bis in diesen erlesenen Kreis.

Bei täglich zwei bis drei Trainingseinheiten und abendlichen Besprechungen wurden wichtige Themen behandelt. Trainingslehre, Ausdauertraining, Krafttraining, Material- und Sitzpositionsoptimierung, Termine, Wettkämpfe. Wir wurden informiert.

Auch über Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel. Als Sportler hätte man erhöhten Bedarf, gerade bei täglichen Trainingsbelastungen unter unterschiedlichsten Witterungsbedingungen. Regelmäßiges Krafttraining bedarf Unterstützung durch die Einnahme von Eiweißpulver.

Die Vorgabe des Bundestrainers

  • Supradyn Brausetablette, jeden zweiten Tag
  • Macalvit Brausetablette, bei schlechter Witterung oder Anflug von Erkältung
  • Eiweißpulver täglich ins Frühstücksmüsli, 1g pro Kilogramm Körpergewicht

Und so war das im Mai 2010. Ein Stützpunkttrainer für Biathlon in Ruhpolding lädt die Sportler und Eltern seiner Trainingsgruppe ein zu einem Ernährungsvortrag eines bekannten Herstellers von Nahrungsergänzungsprodukten und der anschließenden Möglichkeit zum Einkauf zu vergünstigten Konditionen. Die Einschätzung des Trainers, mit richtiger Ernährung seine Leistungsfähigkeit zu sichern und Raubbau am Körper zu verhindern, ist sicher unbestritten. Braucht man dazu Nahrungsergänzungsmittel?

Seine Absicht zu informieren ist hoch einzuschätzen. Er ist 25 Jahre alt, war in der vergangenen Saison selbst noch als Sportler aktiv und erfolgreich. Seine Ernährung ergänzte er ebenso mit industriell hergestellten Stoffen, wie er es bei seinen fünfzehnjährigen Athleten täglich erlebt. „Ich denke, fast alle von euch werden irgendein Pulver im Trainingsgetränk oder nach dem Training trinken... Von dem man vielleicht gar nicht genau weiß, ob es nicht mehr kaputt macht als bringt.“ Seine Trainerausbildung braucht nach meiner Einschätzung möglicherweise noch Ergänzungen im Bereich Ernährung. Im persönlichen Gespräch räumte er ein, es sei immer schon Brauch gewesen, Nahrungsergänzungsmittel zu schlucken, und er sei von Jugend auf ebenso damit aufgewachsen.

Was hat sich seit 1983 geändert? Wie machen Medikamente schneller? Kann das sein?

Auf diese Frage versuchte ich im Juni 1984 erste Antworten zu finden. In Braunschweig fand das Radsporttreffen der Junioren statt, und ich durfte für den Bund Deutscher Radfahrer unsere Landesfarben vertreten. Am ersten Tag, bei Regen und Sturm, nahmen wir ein Dreiermannschaftszeitfahren über 26 km in Angriff. Mein Freund und Teamkollege aus Koblenz weihte mich über seine Geheimwaffe ein. Von Rennfahrern seines Vereins hatte er eine Empfehlung bekommen. Aspirin. Nach Rücksprache mit dem Masseur waren wir uns der Sache sicher. Nicht verboten, macht das Blut dünner, reduziert Schmerzen. Klar, das probieren wir aus. Ob es was gebracht hat? Eher nein. Im Ergebnis schlug es sich zumindest nicht nieder. Wir hatten uns auf der Rennstrecke verfahren.

Auch heute noch scheint Aspirin gerne gebraucht zu werden und wird wohl bereits im Nachwuchssport wichtiger eingeschätzt als wesentliche Aspekte in der Ausbildung von jungen Athleten. Zumindest wurde mir persönlich, nicht nur einmal, von Eltern und Jugendlichen von der Einnahme besagten Medikaments berichtet.

Was hat sich seit 1984 geändert?

Ab 1986 war ich Mitglied der Deutschen Bahnrad-Nationalmannschaft. Die sportmedizinische Betreuung wechselte damit zur Universitätsklinik Freiburg. In dem Maße, wie die Trainingsbetreuung rückläufig war, stieg die medizinische Betreuung an. Die tägliche Substitution von Mineralstoffen, Vitaminen und Medikamenten beanspruchte mehr und mehr Platz in der elterlichen Küche. Dennoch erlebte ich einen fürsorglichen Verbandsarzt, der rasch mein Vertrauen gewann. Wem sonst sollte ich vertrauen, wenn nicht einem angesehenen Sportmediziner einer renommierten Uniklinik?

Befund vom 13. Februar 1986. „Das Blutdruckverhalten weist in Ruhe grenzwertige, obere Bereiche auf“ – was nicht zum ersten Mal gemessen wurde. Befund vom 28. April 1987. „Systolische Hypertonie in Ruhe ... leichte systolische Hypertonie in Ruhe und Belastung.“

Das spielte keine Rolle bei der Erstellung der Medikationspläne. So wie sich meine Eiweißzugaben deutlich erhöhten, die Empfehlung meines Trainers war 3 g/kg Körpergewicht an normalen Tagen, 5 g/kg Körpergewicht an Krafttrainingstagen, so fielen auch Grenzen bei den Medikamenten.

Am 29. Oktober 1987 begann meine Behandlung durch den Verbandsarzt mit Dopingmitteln.  

Medikationsplan

  • Leberam                               1-0-0
  • Bio-Vit                                  1-0-0
  • Lactinium                             0-0-2
  • L-Carn                                   0-0-1
  • Tridin                                    2-0-2
  • Stromba                                jeden zweiten Tag 1x1

„Du brauchst mehr Muskelmasse.“

Ab 6. Januar bis 15. Januar 1988 keine Medikamente außer

  • AHP200                                2-2-2

Ab 16. Januar 1988

  • Frubiase Calcium forte T   1-0-1                                     bis 5. März
  • Anabol-loges                       2-0-2                                     s. o.
  • Vit. B1 ratioph.                    1-0-0                                     bis 31. März
  • Vit. B6 ratioph.                    0-0-2                                     bis 5. März
  • Inosin comp.                        1-0-1                                     bis 31. März
  • AHP 200                               2-2-2                                     bis 26. Januar
  • Biovital                                 2-2-2                                     bis 9. Februar
  • Vitasprint B12                      1-0-1 jeden 2. Tag               s.o.
  • Stromba                               0-1-0 jeden 2. Tag               bis 28. Februar

(Pause 5.-8.2.)

  • Esberitox                              20-0-30      Tropfen                  bis 9. Februar
  • Ab 6. März 1988
  • Calciumtabletten                  3-0-3
  • April bis 12. April 1988
  • Lasar Fe+Mg                        1-0-1                         

Ab 19. April 1988 begann Urbi+Orbi, eine Art Code für Urbason und Andriol…

  • Leberam                               1-0-0                                     bis 5. Juni 1988
  • Wobenzym                           3-0-0                                     s.o.
  • Vit. B1 ratioph.                     0-1-0                                     bis 3. Juni 1988
  • L-Carn                                  0-0-1 jeden zweiten Tag    s. o.
  • Andriol                                  0-0-3 jeden vierten Tag      bis 1. Juni 1988
  • Urbason                                0-0-1 jeden vierten Tag      s. o.    

 

„Ihr trainiert so hart, da muss man auf die Regeneration achten. Die Dosierung ist sehr gering. Und nach ein, zwei Tagen ist eh nichts mehr nachweisbar.“

1. Juli bis 11. August

  • Wobenzym                           3-0-0
  • Calcium (Tümmler)               1-0-0
  • Alfalfa (Tümmler)                  2-0-3
  • Vit. E                                    1-0-0
  • Zinkaspartat                         2-0-1
  • Supradyn                              0-1-0
  • Biovital                                  0-2-1
  • Ratio B1                                0-1-0
  • Dynamisan                            0-0-1
  • L-Carn                                   0-0-1              (bei Urbi+Orbi 2)
  • Magnesium (Tümmler)           0-0-1
  • Andriol                                   2-0-2        jeden 6. Tag     bis 19. Juli
                                                 2-0-1              jeden 4. Tag              bis 8. August
  • Urbason                                ½-0-½            jeden 6. Tag              bis19. Juli (½=8mg)
                                                  ½-0-0            jeden 4. Tag              bis 8. August

Was hat sich seit 1988 geändert?

Für mich. Meine öffentliche Dopingbeichte empfinde ich als meinen größten Erfolg im Sport, neben meiner Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1988. Ich kann mit ruhigem Gewissen in den Spiegel schauen und muss nicht mich selbst und andere belügen, um meine Erfolge zu rechtfertigen. Gesundheit, natürliche Ernährung und individuelle Trainingssteuerung sind für mich die Schlüssel zur sportlichen Höchstleistung geworden. Diese Einstellung verdanke ich kompetenten Fachleuten, mit denen ich die vergangenen Jahre meines Berufslebens arbeiten durfte. Wie könnte ich das meinen Sportlern und Söhnen vermitteln? Habe ich selbst doch früher anders gehandelt.

Nebenbei wurden meine Expertenbeiträge in zwei Fahrrad-Fachmagazinen eingestellt. Ehemalige Rennfahrer aus dem Bekanntenkreis reagierten eher mit Unverständnis.

Im Sport allgemein, nach meiner Einschätzung. Kinder und Jugendliche werden nach wie vor zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel zum Zwecke der Leistungssteigerung verleitet. Nachwuchssportler schlucken nach wie vor wenigstens  Schmerzmittel vor Wettkämpfen. Es wird nach wie vor, selbst unter Mitwisserschaft von Verbandsfunktionären, gedopt. Warum? Weil es leicht geht. Weil man wegschaut, um sich selbst nicht im Spiegel seiner Eitelkeit fragen zu müssen: „Bin ich enttäuscht, wenn Deutschland im Medaillenspiegel der nächsten Olympiade nur auf Rang elf rangiert?“ Weil es dem so genannten Fan egal ist?

Was sich noch geändert hat?

Die Anzahl der Dopingkontrollen ist gestiegen. Die Strafen für überführte Doper sind schärfer geworden. Die Sportveranstaltungen sind größer geworden. Sportorganisationen sind reicher geworden. Steuergelder in der Sportförderung sind mehr geworden. Die Sportsender sind mehr geworden. Sportübertragungen sind länger geworden. Sponsoren- und Werbemittel sind höher geworden. Der Sport ist zu einer Industrie geworden. Die Athleten sind leistungsfähiger geworden. Warum? Weil wir gerne glauben, was uns Sportler, Trainer, Medien, Experten, Funktionäre und Politiker erzählen.

Was sich nicht geändert hat

Im Nachwuchssport wird großteils mit der Methode des reduzierten Erwachsenentrainings gearbeitet. Moderne Erkenntnisse der Trainingslehre werden teilweise nur mangelhaft angewandt. Interdisziplinärer Austausch ist oft ein Fremdwort. Soziale Komponenten finden kaum Einzug in den Umgang mit jungen Athleten. Die Anzahl leistungswilliger Nachwuchssportler ist nicht größer geworden.

Nach wie vor bleiben also Fragen offen. Es gibt immer weniger Nachwuchs. Sportler bringen jünger Höchstleistungen und das über einen längeren Zeitraum als früher. Alle Rekorde werden schneller, höher, weiter. Nach wie vor. Wie geht das? Weil der Sport sauberer geworden ist? Mir fehlen nach wie vor Antworten. Hoffen wir also darauf, dass anerkannten Fachleuten zukünftig das Gehör geschenkt wird, das ihren Erkenntnissen gerecht wird.

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