Im Notfall drücken

"Lasst Euch nicht erwischen"

01.02.2014

Die Süddeutsche Zeitung druckt die “Außenansicht” des dopingalarms zu Doping und Olympia in Sotschi.

AUSSENANSICHT
Sport ist schön, Wettkämpfe haben ihren Zauber – aber der ist dahin, wenn
man ans Doping und die Folgen für die Sportler denkt. Von Claudia Lepping.

Gespenstisch ist er, dieser olympische Geist. In einer Woche beginnen nun die Winterspiele in Russland, der Zuschauer möchte die Wettkämpfe mit ihrer Spannung und ihrem Zauber verfolgen – aber irgendetwas stört, eine Menge sogar. Die Spiele von Sotschi sind gigantisch, unwirtlich steril und unwirklich perfekt. Russlands Präsident Wladimir Putin wird seine politische Allmacht so glamourös inszenieren, als wäre seine Leistungsschau die wichtigste olympische Disziplin. Der internationale Sport und seine Akteure werden wieder einmal zum Spielball eines Autokraten.

  In diesem Glanz sollen deutsche Athleten nach dem Willen des Deutschen Olympischen Sportbundes 30 Medaillen in Sotschi gewinnen: 27 seien das Minimum,

42 seien Weltklasse, sagt der DOSB. Nun siegt mal schön. Holt Gold, Silber oder Bronze für Deutschland. Unausgesprochen bleibt die entscheidende Botschaft: Lasst euch nicht erwischen.

  In Vorbereitung auf die Sommerspiele in London 2012 sind allein in Europa mehr als 20 junge Spitzensportler gestorben, mit jeweils einem ganzen Cocktail von Medikamenten im Blut, wie Obduktionen ergaben. Das waren nicht alles Dopingfälle, aber wo bitte ist die Grenze zwischen zu viel Medikamenten mit dem Ziel der gebündelten Leistungssteigerung und einem Dopingvergehen? Ist es für die Angehörigen ein Unterschied, ob auf dem Totenschein ihres Kindes, Enkels, des Bruders, der Schwester, des Lebenspartners „Dopingtod“ steht oder „toxische Wirkung mit Todesfolge“? Ist es für Athleten, die ihre Karriere beenden, später an Krebs erkranken oder organische und neurologische Schäden davontragen ein Unterschied, ob sie nur einfach zu viele oder ob sie verbotene Substanzen genommen haben?

  Lasst euch nicht erwischen. Im Sport wird Dopjng zu Notwehr erklärt, „weil es ohnehin alle tun“ und es deshalb dumm wäre, nicht mitzumachen und die „Chancengleichheit“ zu verspielen. Dieser Zynismus und Defätismus sollen wohl das letzte Fünkchen Sportsgeist auslöschen, bevor die Mittel in die Muskelzellen schleichen. Bevor skrupellose Trainer und Funktionäre jungen Menschen eintrichtern, ohne Manipulation würden sie zwangsläufig auf der Strecke bleiben. „Gut, Sie haben nichts genommen. Aber wenn Sie gedopt hätten, wären Sie vielleicht Olympiasiegerin geworden“ – es ist erst ein halbes Jahr her, dass ein deutscher Sportpolitiker diesen Satz in einer Diskussionsrunde sagte. Das ist die Aufforderung zur Regelverletzung und Körperverletzung.

  Kein Sportler will sich dopen. Niemand will das ernsthaft. Wer es tut, weiß nicht, was auf ihn zukommt. Wenn er „Glück“ hat, sagt ihm ein Arzt, der auf den hippokratischen Eid pfeift und gesunden Menschen gesundheitsgefährdende Mittel gibt, wie er das Zeug einnehmen soll. Wenn der Sportler weniger Glück hat, sagt es ihm der Trainer: Der empfiehlt im Zweifel etwas mehr davon. Im Namen der Wissenschaft wurden übrigens mit Steuergeldern Dopingmethoden erforscht – und nicht etwa veröffentlicht, um sie zu unterbinden, sondern angewendet.

  Es ist widerlich, sich vor dem Wettkampf Spritzen zu setzen oder Kanülen für Bluttransfusionen anzulegen. Es ist verstörend zu sehen, welche (Neben)wirkungen vermännlichende Hormone auf junge Menschen haben. Gen- und Wachstumshormondoping ist ein weiterer Schritt auf dem Feld der Hormonmanipulation mit größtmöglicher Deformation professional. Schwimmer haben Schuhgröße 50, bei Mittdreißigern wachsen die Knochen, Schultergürtel- und Schenkelmuskulatur bei Leichtathleten sehen aus wie aus Frankensteins Labor. Niemand will das ernsthaft an sich beobachten. Das ist kein Kinderspiel wie gelegentlich zu viel Alkohol oder Zigaretten.

  Es ist übrigens falsch anzunehmen, dass jeder durch Doping besser wird, dass man einen Sportler programmieren kann. Der technologisch-medizinischen Optimierung des Körpers sind Grenzen gesetzt; die besten sportlichen Leistungen lassen sich vielmehr durch originelle wie individuelle Trainingsmethoden herauskitzeln, durch Trainings- und Wettkampfpsychologie, durch das bestmögliche Umgehen mit eigenen Stärken und Schwächen in Stresssituationen. Ein guter Trainer hilft seinen Schützlingen zu ergründen, was ihnen guttut, wie sie an Körper und Charakter reifen. Er macht sich bestenfalls überflüssig und assistiert. Das dauert, kostet Geduld und Jahre, in denen andere zunächst an ihnen vorbeiziehen. Aber es ist der richtige Weg, und jeder Athlet hat das Recht darauf.

  Doch bislang glaubt kein Sportler, dass die dopingfördernden und dopingdeckenden Strukturen tatsächlich effektiv bekämpft werden. Fast sechs Prozent von 1100 befragten Kaderathleten räumen in einer Umfrage ein, regelmäßig zu dopen; 40 Prozent ließen die Frage unbeantwortet, was auf eine höhere Dunkelziffer weist.

  Es braucht einen Gesinnungswandel von unten: Athleten müssen endlich formulieren, unter welchen Bedingungen sie Leistungssport treiben wollen. Parallel zum Training müssen sie Präventions-Schulungen erhalten. Der Kampf gegen Doping muss mit aktiven und früheren Sportlern und mit Akteuren aus den relevanten gesellschaftlichen Bereichen geführt werden. Und schließlich muss dopenden Ärzten die Approbation entzogen werden, müssen am Doping beteiligte Trainer und Funktionäre entlassen werden, sollte ein Anti-Doping-Gesetz Besitz und Weitergabe von Doping unter Strafe stellen, braucht die Nationale Anti-Doping-Agentur mehr Geld für gut ausgestattete Labore und effektive Kontrollen – dass so wenige Doper erwischt werden, ist eine Folge des ineffektiven Kontrollsystems.

 Doping lässt einen ein Leben lang nicht los. Wenn die letzte Saison gelaufen ist, die Sponsorenverträge kleiner werden und nach und nach auslaufen, wenn ein Alltag jenseits der Aufmerksamkeit beginnt, dann treten ganz allmählich Scham und die Verbitterung auf, sich selbst eben doch betrogen zu haben. Und nun schweigen zu müssen, weil sonst die ganze Biografie zusammenbricht. Es ist auch schwer auszuhalten, seine Familie, Freunde und Fans dauerhaft zu belügen. Wenn dann noch Krebs oder schwere Organschäden auftreten, quält die Frage, ob dies wohl Dopingfolgen sind.

  Em Ende steht dann ein furchtbares Eingeständnis: Man ist, ergeben oder verdrängend, Dopingtätern gefolgt und deshalb nun krank. Die Karawane ist da längst weitergezogen, die nächste Sportlergeneration steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ja: Doping kann einem Verstand und Selbstachtung rauben.